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    Neulich mit Lars

Neulich mit Lars

Die krude Idee kam – wie so oft – aus der Marketingabteilung. „Lass uns doch mal so ein Business-Lunch Meeting mit ein paar netten „sind-schon-Kunden“ und „noch-nicht -Kunden“ veranstalten“, so wurde mir das Thema in einem unserer Marketing Jour Fixes nähergebracht.

Das Ganze natürlich überfallartig jenseits der vorab mitgeteilten Agenda unter Punkt „Sonstiges“. Das hätte mich eigentlich schon stutzig machen müssen. Hätte...

Dann kam der Termin schneller als gedacht. Zumindest von mir gedacht. Aber gut. Ich muss gestehen, dass ich einen pragmatischen Drang zur Tat sehr mag und ja auch oft genug propagiere. Aber dass unser Marketing Chef den Graben zwischen Plan und Umsetzung sooo klein hält, hatte ich mir nicht gedacht. Chapeau!

Kurz bevor ich mich beschweren wollte, segelte dann ein ausführliches Briefing auf meinen Tisch. Knapp, aber just in time. So langsam dämmerte es mir. Unsere Marketing-Maschinerie lief auf vollen Touren. Ohne meinen fachmännischen Rat. Unfassbar. Dass sowas überhaupt klappt, ohne mich, kann mein unternehmerisches Selbstbewusstsein nur schwer verarbeiten.

Aber gut, die Agenda hörte sich zugegeben recht spannend an. Die Gästeliste versprach notable Entscheider und das Rahmenprogramm machte neugierig. Allein die Vorankündigung und das mir zugedachte Executive Briefing machten also einen sehr guten Job. Nur mein angeborenes Misstrauen suchte noch nach dem Haken – fand aber keinen. Vorerst...

Nach dem dann folgenden Wochenende, das ich mit der Familie verbracht hatte, ging der Countdown zu unserem UNIVERSUM Business Lunch auf die Zielgeraden. Ort des Geschehens sollte laut Briefing das SOHO House in Berlin sein. Ein hotelähnliches Guesthouse im ehemaligen SED Parteigebäude. Historisch gesehen also ein grandioser Rahmen für unser Event. Dort angekommen dämmerte es mir aber dann langsam. Einen Tag vor der Berlinale war die Empfangslounge zum Bersten mit Hipstern gefüllt.

Zum einen bekannte Berliner Szenetypen, dazu Kreativ-Volk jeglicher Couleur und zur Abrundung ein Schuss internationale Künstler-Avantgarde. Und ich mittendrin. Unternehmer aus der Finanzbranche – Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen – Maßanzug, Krawatte, blankpolierte rahmengenähte Budapester und allzeit bereit für ein Fachgespräch über volkswirtschaftliche Finanzfragen.

„Hey Axel – nice to have you here in Berlin – what can I do for you – I´m Cindy“, so empfing mich eine viel zu junge, viel zu hippe Angestellte in stylischen Jeans. Das Ganze unter einer überdimensionierten Haifischskizze von Damien Hirst. Das „Dämmern“ wandelte sich so langsam in Gewissheit. Ich war im Haifischbecken meines eigenen Marketing-Anspruchs angekommen. Nur dass mir das keiner sooo richtig eindrücklich gesagt hatte. Nochmal Chapeau!

Ich entschloss mich spontan, Cindy das Ruder zu überlassen. Sie führte mich ins „Politbüro“, wo mich meine Marketing Mannschaft freudig in Empfang nahm. Noch ein historisches Highlight – das Politbüro, vor allem für mich als Berliner, der in der geteilten Stadt geboren wurde und aufgewachsen war, aber eigentlich nie wirklich die Möglichkeit hatte den Ostteil der Stadt besser kennenzulernen.

Ein Raum mit großer Aura – wir mit unseren Gästen mittendrin. Dazu ein gedeckter Mittagstisch mit allerlei veganem, glutenfreiem, healthy Food. OK – ich hatte nicht damit gerechnet, dass auch Business-Lunches der Finanzbranche sooo hip gestaltet ankommen. Aber man lernt ja nie aus. Zumindest wenn es um die berühmten Schubladen geht, in denen man sich, sein Unternehmen, seine Branche und andere gern voreilig einsortiert.

Das i-Tüpfelchen aber verbarg sich gut geschützt im Warm-Up Gespräch mit einigen unserer Gästen: Prof. Dr. Lars P. Feld, verpflichtet als Key-Note Sprecher von unserer Marketing Mannschaft. „Der jüngste der fünf Wirtschaftsweisen – Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“, so stand es in meinem Briefing. Der Mann hat ein Curriculum Vitae, das vor finanztechnischem und volkswirtschaftlichem Sachverstand nur so strotzte. Dazu Maßanzug, Manschettenknöpfe und rahmengenähte Budapester, aber auch Ohrring, was mich so ein wenig an meine wilde Jugend erinnerte und ihn wieder passend in die neue Zeit und in die Szenerie vor Ort involvierte.

Es schien mir aber, als wäre Prof. Dr. Feld nicht zum ersten Mal hier. Vielleicht war es aber auch nur so ein Gefühl ...

De facto gab er dann während des gänzlich hippen Lunches einen Aus- und Einblick auf und in den volkswirtschaftlichen Status der BRD, Europas und den wichtigsten internationalen Wirtschaftsnationen. Fachwissen par Excellence. Zur Geltung gebracht in einer außergewöhnlich intellektuell fordernden Diskussion. Unsere Gäste waren begeistert – ich war baff und selbst Cindy vom Empfang lächelte zufrieden, wobei ich mir nicht sicher war, ob das zur professionellen Gastfreundschaft zählte, oder ob sie vielleicht doch neben Englisch auch Deutsch verstand und nebenher Wirtschaftswissenschaften studierte. Ich war ja bereits sensibilisiert für die gedanklich, voreilig gewählten Schubladen ...

Als es dann zur Verabschiedung kam, wurde mir so Einiges klar. Prof. Dr. Feld – der Mann, der Seriosität quasi in den Genen seiner beruflichen Existenz verankert, verließ das SOHO House nicht, ohne sich in perfektem native Englisch von Cindy zu verabschieden, die das Ganze mit einem lässigen „bye bye, Lars“ quittierte. Unsere Branche scheint also durchaus nicht sooo verstockt zu sein, wie uns immer nachgesagt wird. Das hat mein Marketing Team erkannt und mir sehr schön aufgezeigt. Ein letztes Mal: Chapeau für diesen Perspektivenwechsel und mein Dank an Lars.

Ihr Axel Kulick

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