1. Home
     > 
  2. Blog
     > 
  3. CEO-Blog
  4.  > 
    Unser Datenschutz am Scheideweg des digitalen Opportunismus

Unser Datenschutz am Scheideweg des digitalen Opportunismus

Einst – ja einst galt Deutschland im internationalen Vergleich unter Datenschützern als das letzte unbesiegbare gallische Dorf.

Denn wir hatten quasi als kulturellen Zaubertrank den Schutz unserer Privatsphäre in unseren preußischen Genen. Wer was besitzt, wer was tut und vor allem wer was verdient war und ist teilweise noch bis heute in höchstem Maße geheim zu halten. Das dient aber mitnichten in unserer hedonistisch geprägten Gesellschaft einer gemeinschaftlich zusammenhaltenden Ethik. Vielmehr geht es bei uns doch oft um die Freiheit, mehr Schein als Sein vorzutäuschen. Was übrigens nur funktioniert, wenn der öffentlichen Transparenz an der privaten Haustür Grenzen gesetzt werden. Insofern kann man den immer wieder hallenden Ruf nach Datenschutz im Namen der Privatsphäre auch als Gebot der vorherrschenden „Hauptsache ihr habt Spaß – Religion“ verstehen. Zumindest, wenn man mal ganz pragmatisch und realistisch unsere Gesellschaft und ihre moralische Entwicklung ins Visier nimmt.

In den 80er Jahren ging es noch richtig heiß her wenn man auch nur das Wort Volkszählung in den Mund nahm. Die Digitalisierung steckte noch in den Kinderschuhen und nur wenige eingeweihte konnten Userprofile an Computern auslesen. Aber beim Begriff Volkszählung fühlte sich die Gesellschaft vom Staat zum Nudismus gezwungen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass eine ursprünglich geplante Volkszählung im Jahr 1981 zunächst auf 1983 verschoben wurde und dann letztendlich erst 1987 unter großen Protesten und nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes durchgesetzt wurde. Die Diskussion damals war omnipräsent und selbst mein Vater beschloss seinen Grundbesitz zumindest quadratmetertechnisch eher klein statt groß zu rechnen. Die Angst vor Steuernachzahlungen war da wohl Pate der Rechtsbeugung.

Die Digitalisierung brachte dann einen entscheidenden Wandel in der allgemeinen Meinung zum Datenschutz. Zumindest, wenn man das Verhalten unserer heutigen User – und nicht deren intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema – betrachtet. In den vergangenen 25 Jahren seit der Erfindung und Eroberung des Internets hat sich eben eine ganze Menge einfach so ergeben. Oder denkt heute noch einer der vielzähligen Pokemon Go Spieler darüber nach, ob Google Street View datenschutztechnisch korrekt daher kommt? Die Einstellung zum Thema Datenschutz in Zeiten von Big Data hat sich deutlich entspannt.

Die Generation der digital Natives ist schließlich mit einer ganz anderen Grundeinstellung ins Leben gegangen. Für Sie ist der Nutzen und der Komfort, den schlaue Marketeers, pfiffige Vertriebler und auch clevere ITSystemingenieure aus ihren persönlichen Daten generieren viel wichtiger, als das Geheimhalten der Privatsphäre. Zugegeben, das ist zuweilen recht kurzsichtig gedacht. Aber die bereits zitierte „Hauptsache ihr habt Spaß - Religion“ braucht eben Öl im Entertainment-Getriebe. Und das sind dann persönliche User-Daten, bei deren Herausgabe gilt: Komfort sticht Privatsphäre – Opportunismus sticht gesundes Misstrauen. Was wiederum eine Folge der sich immer schneller drehenden Welt mit ihren immer neuen Möglichkeiten ist.

Sogar unsere Politiker verfallen den Sirenen des Opportunismus, wenn es gilt die sich drehende Meinung des Volks in Wählerstimmen zu verwandeln. Ich kann mich an Ilse Aigner als Bundesministerin für Verbraucherschutz erinnern, die im vollen Digitalisierungsrausch Anfang des neuen Jahrtausends Marc Zuckerberg verklagen wollte, weil er ungefragt persönliche Daten auf Servern speichert und die Dreistheit besitzt, weder Frau Aigner sagen zu wollen, welche Daten das genau sind, noch wo die Server stehen. Gipfel des Unverständnisses war dann wohl auch noch die mit einem Lächeln quittierte ausbleibende Antwort von Herr Zuckerberg auf die zunächst scheinbar gut gemeinte und freundliche Anfrage von Frau Aigner. Heute wissen wir, dass dieser Habitus nur ein Vorzeichen der sich real drehenden Welt und Ihrer Machtstruktur war. Denn schon lange halten sich erfolgreiche Unicorn-Start-Ups und globale Daten-Kraken nicht mehr an Gesetze, die sich ihrer Meinung nach überholt haben. Aber das ist eine andere Geschichte....

Zurück zum Punkt war es viel interessanter zu sehen, das genau diese Ilse Aigner, die sich den deutschen Datenschutz so vehement auf Ihre Fahne geschrieben hatte nur ein paar Jahre später ganz Stolz und natürlich öffentlichkeitswirksam ein Start-Up mit dem deutschen Gründerpreis ausgezeichnete, welches in realtime auf einer interaktiven Karte Orte aufzeigt, die rollstuhlgerechte, barrierefreie Zugänge bietet. Das ganze auf Basis der bis heute so umstrittenen Daten von Google Street View. Ups - da zählt dann der Datenschutz plötzlich nicht mehr. Ist ja was Gutes. Komfort sticht Privatsphäre (der Hausbesitzer der abgebildeten Lokalitäten).... Wir hatten das bereits. Und mal unter uns: Mit einem Anteil Schwerbehinderter von ca. 9% an der Gesamtbevölkerung ist dieses Wählerstimmenpotenzial durchaus gewichtiger als eine „allzu kleinliche Auslegung des Datenschutzes“, oder?

Letztendlich werden wir abwarten müssen, wie unsere Regierung die EU-Datenschutzverordnung umsetzen wird. Fest steht, sie wird erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft haben, und damit auch auf unsere Branche.

Als Konsumenten können wir vorerst gelassen bleiben und es locker angehen. So wie das unsere jungen Generationen bereits tun. Schließlich gibt es ja nichts zu befürchten, wenn man nichts zu verbergen hat, so eine relativ einfache Sichtweise auf die Dinge. Grundsätzlich hat aber die fortschreitende Digitalisierung gezeigt, dass die Menschen einfach selbst entscheiden sollen, was sie über sich preisgeben. Da hat Mark Zuckerberg schon recht, wenn er sagt „Public ist the new private“. Ich habe gelernt, dass alles im Leben ein Geben und Nehmen ist. Gebe ich persönliche Daten preis, bekomme ich persönliche – und keine generischen - Angebote. Das überzeugt mich.

Bis zu einem gewissen Grad zumindest. Nur beim Geburtsdatum, da bin ich vorsichtig. Oder - wenn ich ganz ehrlich sein soll – eitel. Schließlich will ich Angebote für mein gefühltes Alter. Wenn interessiert da schon, was im Pass steht?

In diesem Sinne schau ich mir jetzt mal diese wahnsinns Wingsuits, coolen Dirt-Bikes und neusten Sneaker an, die mir grad exklusiv in meinem Facebook Newsfeed angeboten werden.

„Hang loose“

Ihr Axel Kulick

Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!
Neuen Kommentar schreiben
Absenden
Jetzt teilen: